Margaret Nkrumah wurde bei der Generalversammlung 2008 zur Vizepräsidentin von SOS-Kinderdorf International gewählt. Die gebürtige Ghanaerin, verheiratet und Mutter dreier erwachsener Töchter, hat über Jahrzehnte im Bildungsbereich nicht nur für SOS-Kinderdorf, sondern auch innerhalb verschiedener afrikanischer und internationaler Bildungsnetzwerke viel bewegt und zum Positiven verändert. Margaret Nkrumah hat in Großbritannien und Ghana studiert, war an mehreren Schulen in Ghana und Simbabwe tätig, bevor sie 1992 Direktorin des SOS Hermann Gmeiner International College in Tema wurde. Das College entwickelte sich in den 18 Jahren unter ihrer Leitung zu einer Talenteschmiede für junge Menschen aus Afrika, denen damit die Tore zu Universitäten in aller Welt offen stehen. Integraler Bestandteil der Ausbildung ist auch die aktive Mitarbeit der SchülerInnen in Sozialprogrammen für die Nachbarschaft. Vor allem aber wurde die Schule zu einem Bildungsinstitut, dessen StudentInnen sich intensiv mit den Potentialen, Besonderheiten und Perspektiven des afrikanischen Kontinentes auseinandersetzen. Hier sieht Margaret Nkrumah, die als Direktorin des College 2008 in Pension ging, auch in ihrer neuen Rolle als Vizepräsidentin des Dachverbands eine besondere Mission: "Ich werde mich mit aller Kraft für die weltweite Arbeit von SOS-Kinderdorf einsetzen. Ganz besonders liegt mir das Schicksal der benachteiligten Kinder in Afrika am Herzen. Alle Länder müssen für ihre Kinder Verantwortung übernehmen.
Interview mit Margaret Nkrumah zum Thema
"Heimat & Identität"
Heimat und Identität sind zwei ineinander greifende Begriffe, die zwischenmenschliche, soziale, geistige, ethische und wirtschaftliche Beziehungen ausdrücken:
1.) Woran erkennen Sie Heimat und Identität?
Die zwei Begriffe sind an Faktoren wie Sprache, an spezifischen Elementen der Tradition, der Kultur und natürlich dem inneren Gefühl des Dazugehörens erkennbar.
2.) Wie sehen Sie im übertragenen Sinne eine "Landschaft von Heimat und Identität"?
Eine Landschaft von Heimat und Identität ist gefüllt von den Aromen „unserer“ Küche und Essgewohnheiten, aus den gefühlten und tönenden, wirklichen und geistigen Rhythmen und die speziellen Eigenschaften unserer Großfamilie mit vielen unterschützenden und mitfühlenden Menschen.
3.) Welche Heimat und Identitäts-Attribute und Ziele widerstreben Ihnen?
Eine engstirnige Auffassung, die Wahrheits- oder Superioritätsmonopol auf Alter, Religion, Nation, Vermögen etc. beansprucht und demzufolge Kinder, behinderte und Menschen anderer Religionen ausgrenzt, hasst oder verspottet. Ausgrenzung und Krieg sind eine Folge von Mangel an Gutmütigkeit und Wissen über andere Leute und deren Kultur.
ubuntu beschreibt Heimat als ein geistiges Gut, das die Gelegenheit zur individuellen und kollektiven Entfaltung der Identität bietet.
1.) Was sollen Ihrer Meinung nach die Säulen zu dieser Entfaltung sein?
Klare Einsicht in die moralischen und ethischen Werte, die eine Gemeinschaft stärken. Respekt und achtsame Zuwendung für alle Mitmenschen und ganz besonders für die Kinder. So können Kinder in einer behutsamen und wachsamen Umgebung aufwachsen und ihre Fähigkeiten entfalten.
2.) Wie wichtig erachten Sie ubuntu-Werte zur Stabilisierung dieser Säulen?
ubuntu-Werte sind unverzichtbare Elemente dieser Säulen. Sie umfassen das gesamte, allgemein menschliche Grundwertesystem, ohne das eine vollkommene Entwicklung des eigenen Potentials nicht möglich wäre.
Verantwortung und Achtsamkeit, Akzeptanz und Würdigung der Einzigartigkeit eines jeden Menschen, Mitgefühl und Fürsorge für einander, sind die idealen Teilchen des Landschaftsbildes der anzustrebenden Heimat und Identität. Die weltliche Heimat, ausgestattet mit diesem geistigen Gut, würde den Kindern der Welt die besten Vorraussetzungen bieten, um ihr Verantwortungspotential erblühen zu lassen.
Ideale Heimat, ideale Identität:
1.) Gibt es so was?
Ja, die könnte möglich sein, leider sind wir aus heutiger Sicht noch weit davon entfernt. Es sind nur wenige Kinder, die dieses Glück haben. Für den Großteil der Kinder der Welt ist es noch in Schwebe. Die Visionen Hermann Gmeiners und die ubuntu-Werte helfen jedoch wesentlich mit, diesem Schwebe-Zustand ein Ende zu bereiten.
2.) Wie können die ideale Heimat und die ideale Identität erreicht werden?
Wenn ein Kind das Glück hat fürsorgliche Menschen und ein liebevolles Zuhause um sich zu haben, das ihm Sicherheit und Geborgenheit gibt, damit es seine Identität und sein Selbstwertgefühl entfalten kann.
Diese Ideale können erreicht werden, wenn die Kinder der Welt ein verantwortungsvolles Zuhause, klare Werteverhältnisse und einen erprobten Kompass zur Verfügung haben, um ihre Fantasien, Wünsche und ihr reales Umfeld sondieren zu können.
3.) Woran erkennen wir wann diese Ideale erreicht sind?
Wenn wir ein Kind oder einen erwachsenen Menschen mit gesundem Selbstvertrauen und sicherer Selbstachtung treffen, das/der seinem Gegenüber Respekt zollt. Daran erkennen wir, dass sie alle eine Identität und Heimat und ein liebevolles Zuhause vorgefunden haben, in dem sie stets mit all ihren Facetten angenommen wurden.
ubuntu-Werte sind genau die belebenden und anregenden Ideale der weltumspannenden Idee von SOS-Kinderdorf. Sie waren 18 Jahre Direktorin eines internationalen Kollegs in Tema in Ghana. Schwerpunkte dieser Schule sind neben Bildung, das soziale Engagement, die Integration und das Erkennen von Potentialen und Perspektiven.
1.) Wie sehr wird Ihrer Erfahrung nach, die Zukunft eines jungen Menschen von seiner Herkunft und seinen Bildungschancen bestimmt?
Für alle jungen Menschen ist Bildung der Schlüssel zu einer entwicklungsfähigen Zukunft. Umfassende Bildung bietet eine gleiche Handlungsbasis für Kinder aus verschiedensten Verhältnissen – basierend auf ihr Wissen, können sie sich aus jeder hemmenden Lebenslage befreien.
In Afrika ist Bildung leider noch kein allgemein gültiges Recht für Kinder, sondern ein Privileg für wenige. Wir streben jedoch die Durchsetzung dieses Kinderrechtes an. Deshalb ist es sehr wichtig neben den schulischen Leistungen, den Fokus auf menschliche Werte wie Mitgefühl und sozialen Einsatz für die Gemeinde zu richten, damit die jetzt Privilegierten das Los ihrer Kameraden in der breiten Gesellschaft mitfühlen können. Ohne Bildung werden Kinder und Jugendliche die nicht vom Glück bestrahlt wurden, sozial benachteiligt bleiben. Deshalb ist es wichtig, dass - alle ubuntu- und SOS-Kinderdorf-MitarbeiterInnen, sowie unsere PartnerInnen - sich für die hehren Ziele und Träume der uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen stark machen. Der ubuntu-Geist soll uns anregen, Kinder und Jugendliche stärker zu fördern, damit sie ihre Fähigkeiten maximal entfalten können.
2.) Ist die Entwicklung eines selbstverantwortlichen Lebens, beziehungsweise eine solide Identität ohne ein liebevolles Zuhause möglich?
Auf keinen Fall! Ein liebevolles Zuhause ist unabdingbar für die Entwicklung einer soliden Identität, als auch eines selbstständigen Lebens. Die Familie stellt das Vorbild der Identität, des Wohlfühlens und des wahren Selbstwertgefühls dar, sowie sie die Sicherheit einer vorbehaltlosen Liebe und Zuwendung bietet. Kindern und Jugendlichen diese Liebe und Zuwendung in der prekären Zeit des „Großwerdens“ vorzuenthalten, markiert den Anfang einer harten und instabilen Selbstentwicklungsphase. Aus diesem Grund verdanke ich meinen Eltern die Kraft und Selbstüberzeugung, die mich heute noch begleitet. Denn ihre vorbehaltlose Liebe zu mir von klein auf, ist das Fundament worauf sich mein Selbstbewusstsein und mein Glaube stützt, dass mit Fleiß nichts unerreichbar bleibt.
Dieses Fundament Kindern und Jugendlichen anzubieten, die keine Eltern oder Verwandte haben, ist das Hauptanliegen der segensreichen, weltweiten Arbeit von SOS-Kinderdorf.
ubuntu - die Kulturinitiative für SOS-Kinderdorf – bereichert diese weltweite Arbeit und unser gemeinsames Menschsein zusätzlich, in dem sie gegenseitigen Respekt, Vertrauen, Mitgefühl und kulturelle Andersartigkeiten anerkennt und wertschätzt. Heimat ist nicht einfach ein Vaterland zum Vergöttern, sondern ein liebevolles Zuhause für glückliche Momente eines gelebten und gefühlten Kind-seins.
1.) Verraten Sie uns die wichtigsten Erfahrungen Ihres Lebens, die zu Ihrem Heimat- und Identitäts-Verständnis beigetragen haben?
Eine recht verzwickte Geschichte: Mein Identitäts- und Heimatgefühl hätte leicht verworren werden können, denn ich bin in Ghana, damals noch als Kolonie Großbritanniens Goldküste genannt, aufgewachsen. Mit 11 Jahren wurde ich in ein Internat in England geschickt, in dem ich das einzige afrikanische Kind war. Kulturelle Missverständnisse waren natürlich unausweichlich. Zudem war ich nicht gerade das gefügige Mädchen, sondern eher ein rebellisches, das sich für Gleichheit und „Fairplay“ stark machte.
Trotz manch widriger Umstände war ich stets bemüht, die Erwartungen an mich selbst und die meiner Familie und meiner Herkunft in Einklang zu bringen. Eine Überforderung eines 11jährigen Kindes könnten wir heute meinen! Aber damals hat dieses ständig begleitende und wärmende Gefühl der Zusammengehörigkeit eine nicht mehr auszulöschende Flamme der Verantwortung und Mitgestaltungslust in mir verankert. Das sind bis heute die Säulen meiner Identität und Betrachtungsweise von Heimat geblieben. Das uneingeschränkte Vertrauen, dass
- ungeachtet welcher Leistungen oder Geschichten ich nach Hause bringen würde, die Liebe meiner Eltern für mich unzweifelhaft war.
- Die Überzeugung, dass durch Leistung und Unterstützung, wunderbare Träume im Leben wahr werden können.
All dies ergab meinen Motor zur Selbstentfaltung und verhalf mir zur Sicherheit und zum Vertrauen in mir und in die Mitmenschen. Genau diesen Motor versuche ich auch meinen SchülerInnen weiter zu geben. ubuntu setzt sich für die Rechte der Kinder ein, wo diese noch nicht umgesetzt sind, aber auch für das Recht auf Kindheit, das vor allem in unseren Breiten immer mehr verloren geht.
Wie sehen Sie als ubuntu-Visionärin und Afrikanerin ubuntu als ein Mobilisierungsinstrument für Verantwortung und Vertrauen?
Als eine Frau vom Kontinent Afrika, wo in vielen Teilen das Recht des Kindes oder die Kinderrechte überhaupt missachtet werden, spielt der sozio-ethische Wert ubuntu eine wichtige Mobilisierungsrolle.
Die Kindheit für viele Kinder Afrikas ist immer noch geprägt von Schmerz, Mangel an praktischen Lebenschancen und Verkümmerung etc. Zusätzlich leiden viele dieser Kinder am Verlust von fürsorglichen Eltern oder Erwachsenen. Die Kinder Afrikas sind nicht nur Opfer des Verblassens der traditionellen Gesellschaftsstruktur, die im Rahmen eines erweiterten Familienkreis-Systems jedem Kind Obhut und Sicherheit gab. Sie sind auch Verlierer eines Kontinentes, der durch Kriege, Naturkatastrophen, schamlose Ausbeutung und Misswirtschaft geschwächt wurde. Das Panorama-Bild der Moderne in Afrika ist nur eine Aufzeichnung von Millionen gefährdeten, missbrauchten und geschädigten Kindern. ubuntu ist ein Streben, für die Kinder dieser Welt das Pendel wieder in Richtung Sicherheit, Kreativität, Akzeptanz, Zuneigung und hoffnungsvoller Zukunft ausschlagen zu lassen. Darin ist die mögliche, ideale Heimat zu erkennen.
ubuntu befindet sich noch am Anfang einer Entwicklung. Ich sehe jedoch enormes Potential, denn ubuntu nimmt Erwachsene jenseits aller Kulturen, Nationen und Religionen in die Pflicht, den Kindern der Welt einen Funken Licht zu schenken.
Sie haben selbst drei erwachsene Töchter, engagieren sich als Vizepräsidentin von SOS-Kinderdorf International für in Not geratene Kinder und haben sich zeitlebens für junge Menschen eingesetzt.
1.) Wie wichtig ist ubuntu, Ihrer Meinung nach, für die weltweite Arbeit von SOS-Kinderdorf?
ubuntu ist sowohl ein Link zum, als auch die Fortsetzung der Arbeit, Mission und Vision von SOS-Kinderdorf. Die ubuntu-Ziele - via Kunst und Kultur die globalen Lebensverhältnisse von Kindern zu beleuchten - sind auch für die SOS-Kinderdörfer weltweit von großer Bedeutung. Wir werden dadurch unser gemeinsames historisches, gegenwärtiges und zukünftiges Erbe besser wahrnehmen können.
Nach 18 Jahren Lehr-Tätigkeit mit Jugendlichen zwischen 15 und 18 Jahren am SOS-international College in Tema wurde mir klar, dass sich Kinder überall in der Welt nach Liebe, Zuwendung, Sicherheit und Unterstützung sehnen, sowie sie eine beratende Stimme und offene, verlässliche Verhältnisse brauchen, um ihr Leben zukunftsgerecht gestalten zu können.
2.) Welche Visionen haben Sie als ubuntu-Visionärin 2009 für die Kinder dieser Welt und ihre Zukunft?
Erstens, würde ich sagen: ich wünsche allen Kindern der Welt so viel Glück, Liebe, Vertrauen, Unterstützung und den Hauch von Freiheit, den ich in meiner Kindheit hatte. Diesem Wunsch habe ich mich als Erwachsene, beruflich wie privat, verpflichtet.
Meine Vision als ubuntu-Visionärin beinhaltet natürlich all das bereits Erwähnte, jedoch besonders wichtige Rahmenbedingungen für alle Kinder und Jugendlichen dieser Welt sind:
- liebevolle, verantwortungsvolle und engagierte, erwachsene Menschen in ihren jungen Leben.
- Ein liebvolles Zuhause in einer verantwortungsbewussten Heimat, um ihnen eine gestärkte Identität und ein robustes Selbstwertgefühl zu verleihen.
- Kinder und Jugendliche sollten in sich selbst höhere Erwartungen setzen, damit sie ihre höchst mögliche Entfaltungsfähigkeit und ihre Potentiale entdecken können.
- Erwachsenen sollten nicht auf Leistungsergebnisse schauen. Sie sollten Kinder und Jugendliche in ihren Stärken und Schwächen so akzeptieren, wie sie sind.- Wenn all das erfüllt wird, haben wir den Kindern und Jugendlichen vorgelebt, die Welt mit ubuntu-Fokus zu sehen und wahrzunehmen.
Fragen gestellt und übersetzt:
Walter Waltz Anyanwu
ubuntu-büro