Es gab viele Kinder, aber wenig Kindheit...
Der Kindheit Raum geben. Das ist unser wesentlichstes Anliegen.
Hat Kindheit heute keinen, zuwenig oder vielleicht nicht den richtigen Raum? Für einen Mitteleuropäer ist es nicht schwierig, der Tatsache zuzustimmen, dass Kinder in den Konfliktherden dieser Welt unter unglaublichen Bedingungen aufwachsen. Dort trifft zu, was der Schriftsteller Khaled Hosseini in dem autobiografischen Bestseller "Kite Runner" über seine Kindheit in Afghanistan sagt: "Es gab viele Kinder, aber wenig Kindheit".
Diesen Kindern, vor allem im Süden der Welt, zur Seite zu stehen, muss erstes Anliegen der internationalen Gemeinschaft sein. Der Blick in die Ferne lenkt oft vom Eigenen ab, aber das können wir uns in Bezug auf unsere Kinder nicht leisten. Uns muss ebenso dringlich die Frage beschäftigen: Welchen Raum, welche Rahmenbedingungen haben Kinder in der modernen, „zivilisierten“ Welt? Erfahren sie förderliche Bedingungen, die ihre Grundbedürfnisse nach einer gesunden körperlichen, geistigen und seelischen Entwicklung ermöglichen?
Wie schaut der "Raum für Kindheit" in Österreich, in Tirol aus?
Die Zahl der Geburten ging von ca. 120.000 in den 60er Jahren auf weniger als 80.000 in den vergangenen Jahren zurück. 2005 kamen in Österreich/Tirol auf 1.000 Einwohner 4,8 bzw. 4,3 Eheschließungen und 2,4 bzw. 1,6 Scheidungen. Die Gesamtscheidungsrate stieg seit 1970 von 18,1% auf 46,4%. 2005 bestanden von 1.4 Mill. Familien 300.000 aus alleinerziehenden Müttern und Vätern (Väter: 46.000). Von 2 Millionen Kindern (bis 18 Jahre) lebten ca. 360.000 bei ihren alleinerziehenden Müttern, 60.000 bei den Vätern. Die Zahl der Kinderkrippen in Tirol wuchs seit 2000 von 25 auf 138 an. Die Zahl der Gruppen in Horten stieg von 49 auf 76.
Die Situation der Familien hat sich markant geändert. Familienforscher sind bemüht, das traditionelle Vater-Mutter-Kind-Bild der statistischen Realität und damit Normalität gegen- überzustellen und den neuen, wirklich gelebten Familienmodellen gerecht zu werden. Entscheidend ist dabei – vor allem aus psychologischer Sicht die Wahrnehmung des Kindes.
Demnach umfasst „Familie“ alle nahen, bedeutungsvollen und prägenden Beziehungen, in denen ein Kind lebt und die es als familienzugehörig erlebt. Das bedeutet, dass vor dem Hintergrund zunehmender Individualisierung und Isolierung, was besonders im städtischen Raum von AlleinerzieherInnen so erlebt wird, das soziale Umfeld, das weitere Netzwerk an Beziehungen immer wesentlicher wird, um den Kindern ein ausreichend Halt und Wärme gebendes Umfeld zu ermöglichen.
Halt und Wärme in der Familie zu erfahren ist ein hoher oft unerfüllbarer Anspruch. Realität in den Familien sind: Überforderung, Verunsicherung, Druck, existenzielle Sorge und Angst.
Welche Herausforderungen müssen Kinder heute bewältigen? Womit sind sie täglich konfrontiert? Hier einige ernüchternde Aussagen von Menschen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten:
- Info-Bombardement, ungeheuer vielfältige mediale Einflüsse und Bilder
- schnelle, technologische Veränderungen
- nix ist fix, zappen von hier nach dort, von allem ein bisschen
- Leistungsdruck und Überforderung; zugewünscht und zugeplant
- Verpflichtungen und Termine
- neue Armut, unsichere Zukunftsperspektiven, späte Verselbstständigung
- Brüche in den Beziehungen durch Trennung und Scheidung
- Parentifizierung (Kinder müssen zu früh erwachsene Verantwortung in Familie übernehmen)
- Familiäre Gewalt und Missbrauch
- Multikulturelle Probleme
- der ökologische Wahnsinn
und was brauchen Kinder?
- einen sicheren Ort
- Ruhe finden, Langeweile
- Abenteuer erleben
- Neues Lernen
- Geduld der Erwachsenen
- Mutig und frech sein dürfen
- das Wesentliche finden
- ein verbindliches Gegenüber
- Freunde finden und haben
- lernen mit Ängsten und Scheitern umzugehen
- jemanden zum Reden haben, Zärtlichkeit…
Kinder brauchen Raum und Zeit für ihre Kindheit!